Alt-Hietzinger

EINE WISSENSCHAFTLICHE AUTORITÄT
TASSILO ANTOINE
Gynäkologe
(* 25. Oktober 1895 Wien, + 23. April 1980 Wien)


Der Name der Familie Antoine hat in der Geschichte Wiens einen guten Klang, Großvater und Urgroßvater haben zur Gestaltung des Hofburgviertels als Hofgartendirektoren wesentlich beigetragen. Franz Antoine der Ältere zeichnete für die Gartenanlage des Burggartens verantwortlich, die er im Dienste Kaiser Franz I. als englischen Landschaftsgarten gestaltete. Franz Antoine der Jüngere, Maler, Amateurphotograph und bekannter Pomologe, gestaltete den Heldenplatz und entwarf die Einbeziehung des Volksgartens in den nicht ausgeführten zweiten Flügel des Hofburgneubaues am Heldenplatz. 
Als Tassilo Antoine im Herbst 1906 in das humanistische Gymnasium in der Hietzinger Fichtnergasse eintrat, war sein Vater, der Arzt Rudolf Antoine, bereits verstorben. Seine Mutter Helene kümmerte sich mit seinem Vormund, dem Gewehrfabrikanten Gustav Springer, um den heranwachsenden Buben. Zwei Jahre später heiratete die Mutter den k. k. Rechnungsrat Wilhelm Hübner. Seit 1910 wohnte die Familie in Hietzing in der Diesterweggasse 18. Tassilo Antoine hatte noch einen Bruder, der später als Schriftsteller in Schweden lebte. 

Die schulischen Leistungen des jungen Mannes waren immer sehr gut, meist schloss er mit Vorzug ab. Seine Matura legte er im Sommer 1914 mit Auszeichnung ab. Einen Berufswunsch äußerte er in diesem verhängnisvollen Sommer vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht - zumindest hält der Jahresbericht keinen Berufswunsch fest. Wenige Monate später, nämlich im Februar 1915, meldete er sich freiwillig zum Militär und wurde zum k. k. Landesschützenregiment Bozen II eingezogen. Sein Grundbuchblatt hielt als besonderes Merkmal seine Tauglichkeit für den Gebirgsdienst fest. Am 1. Jänner 1916 wurde er zum Reservekadetten befördert, wenige Tage später erhielt er die bronzene Tapferkeitsmedaille für tapferes Verhalten vor dem Feind. Mit 1. November 1918 rüstete er als Oberleutnant ab.

Schon während des Krieges hatte er an der medizinischen Fakultät inskribiert, nach Kriegsschluss beeilte er sich, sein Studium abzuschließen. Zwischen 1919 und 1921 arbeitete er als Demonstrator am II. Anatomischen Institut, das damals unter der Leitung von Ferdinand Hochstetter stand. 1921 schloss er sein Studium mit der Promotion zum Doktor der Medizin ab.

Nach Praktikumszeiten bei Haberda am Institut für Gerichtsmedizin, bei Franz Chvostek an der III. Medizinischen Klinik und bei Anton Eiselsberg an der I. Chirurgischen Klinik kam er 1924 als Assistenzarzt an die II. Universitäts-Frauenklinik, die damals von Fritz Kermauner geleitet wurde. 1936 erreichte seine Karriere als Gynäkologe ihren ersten Höhepunkt: Er begleitete Heinrich Kahr an die I. Universitäts-Frauenklinik, im gleichen Jahr erfolgte seine Habilitation. Ein Jahr später wurde er Vorstand der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung am Lainzer Krankenhaus in Wien, wo er bis zum Jahre 1940 blieb.

In diesem Jahr erhielt er einen Ruf als Ordinarius an die Innsbrucker Universitätsklinik, dem er Folge leistete. 1943 wurde er als Nachfolger Amreichs an die Wiener Universitätsklinik berufen. Versuche, ihn an die Berliner Charité zu holen, scheiterten an seiner Weigerung, Wien zu verlassen. Auch eine Berufung an die Züricher Frauenklinik lehnte er Ende der vierziger Jahre ab - er fühlte sich zu sehr mit Wien und der Wiener Alma Mater verbunden. Letztere ehrte ihn im Studienjahr 1955/56 mit der Berufung in das Amt des Dekans der medizinischen Fakultät, im Studienjahr 1959/60 bekleidete Tassilo Antoine das Amt des Rektors. Im Jahre 1967 zog sich der verdiente Arzt und Universitätslehrer von seiner akademischen Laufbahn zurück.

Professor Antoine war mit Frau Dr. Lore Trappen verheiratet. Aus dieser Ehe stammt eine Tochter. 

Antoine, dem fast Künstlerschaft in der vollendeten Beherrschung der gynäkologischen Radikaloperation nach Ernst Wertheim bescheinigt wurde, widmete seine wissenschaftlichen Bemühungen in erster Linie der Frühdiagnose des Karzinoms des Uterus. Er veröffentlichte von seinen insgesamt 140 wissenschaftlichen Arbeiten eine große Anzahl von Aufsätzen gerade zu dieser Frage. Weitere wissenschaftliche Arbeiten beschäftigten sich mit der Sterilität bei Mann und Frau und dem Einsatz moderner Wehenmittel. 1949 erschien seine Neubearbeitung des Lehrbuches von Wilhelm Weibel "Lehrbuch der Frauenheilkunde", 1956 gab er gemeinsam mit Viktor Grünberger den "Atlas der Kolpomikroskopie" heraus. 1957 erschien im Sammelwerk von Burghard Breitner "Operationslehre" Antoines "Gynäkologische Operationslehre". Mit Grünberger hatte Antoine in die gynäkologische klinische Praxis die Auflichtmikroskopie bei der gynäkologischen Krebsdiagnosik eingeführt. Sehr früh verwendete er die Tokometrie (Wehenüberwachung) als Untersuchungsmethode. Als Leiter der I. Universitäts-Frauenklinik beeindruckte er seine Mitarbeiter durch Können und Disziplin. 

Es mag wohl auch sein "reservierter Charme" gewesen sein, der ihm die Achtung der Mitarbeiter und Ärztekollegen gewann. Trotz aller Distanziertheit stand seine wissenschaftliche Autorität nie in Zweifel. Die Zahl seiner Schüler war groß, die richtungweisenden Universitätslehrer und Klinikchefs der nächsten Generation - drei Leiter von Universitätskliniken und fünf gynäkologische Abteilungsleiter - hatten ihre wissenschaftliche Laufbahn unter seinen Fittichen begonnen. Er war Klinikchef in den schwierigen Nachkriegsjahren, als die Ausbildung junger Ärzte von diesen enormen Verzicht abverlangte. Zeitgenossen wird noch heute die Demonstration junger Ärzte vor Augen stehen, als sie dafür plädierten, für ihre Dienste an den Kliniken endlich bezahlt zu werden. Damals hatten Vertreter dieses Standes erstmals mit einer Demonstration auf der Ringstraße auf die berechtigten Anliegen ihres Berufsstandes hingewiesen. Es waren aber auch Zeiten der großen wissenschaftlichen Umwälzungen. So war die Wiener Frauenklinik weltweit eine der ersten Kliniken, an der eine "Radiumstation" für den Einsatz der Strahlentherapie bei Krebsdiagnose zum Einsatz gelangte.

International war Antoine ein gerne gesehener Gast und Vortragender bei medizinischen Kongressen. Dank seiner großartigen Sprachbegabung - er beherrschte Englisch, Französisch und Italienisch ausgezeichnet, in den sechziger Jahren begann er noch Russisch zu lernen - konnte er gerade bei solchen Anlässen die Wiener medizinischen Schule in großartiger und die Zuhörer begeisternder Form repräsentieren. 

Das offizielle Österreich wusste um seine Verdienste und hat mit zahlreichen Ehrungen dem Rechnung getragen: Tassilo Antoine erhielt das Große Silberne Ehrenzeichen, das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (1972), den Ehrenring der Stadt Wien (1965), den Preis der Stadt Wien für Naturwissenschaften und die Billrothmedaille der Gesellschaft der Ärzte, deren Präsident und Ehrenpräsident er jahrelang gewesen war. Seit 1961 gehörte Tassilo Antoine der Akademie der Wissenschaften an. Im gleichen Jahr fungierte er als Präsident des Weltkongresses der Internationalen Förderation für Gynäkologie und Geburtshilfe (FIGO) in Wien. 22 internationale Fachgesellschaften hatten ihn zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. 

Tassilo Antoine war ein Schöngeist und Ästhet, den Künsten zugeneigt - im besten Sinne seiner humanistischen Ausbildung entsprechend. Der begeisterte Naturliebhaber verbrachte viel Freizeit in den Bergen. Seine große Leidenschaft galt weiters dem Schifahren, das er bis ins hohe Alter ausübte. 



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